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Das Forschungsprojekt Wölfersheim-Berstadt

Bei der Erschließung des Neubaugebietes „Über den Holdergärten“ wurde 2006 in Wölfersheim-Berstadt (Wetteraukreis, Hessen) ein großes frühmittelalterliches Reihengräberfeld entdeckt, welches in den folgenden Jahren fast vollständig ausgegraben wurde.

Frühmittelalterliche Gräber im Fokus der Bioarchäologie

Die Verstorbenen wurden mitsamt Kleidung, Schmuck und Ausrüstung sowie Speisen für das Jenseits bestattet; die Beigaben erlauben eine Datierung des Gräberfeldes zwischen dem späten 5. und der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts. Neben den Bestattungen fanden sich auf dem Gräberfeld auch Pferdegräber und Kreisgrabenanlagen. Seit 2016 findet die wissenschaftliche Aufarbeitung des Gräberfeldes von Wölfersheim-Berstadt statt. Die menschlichen Skelette wurden dazu der CEZA übergeben, um Rückschlüsse auf die Lebensbedingungen und Krankheitsbelastung der frühmittelalterlichen Bevölkerung zu gewinnen. Die Bearbeitung der umfangreichen Skelettserie konnte im Jahr 2021 erfolgreich abgeschlossen werden. Von jedem Skelett wurde ein Knocheninventar erstellt und das biologische Profil erhoben. Dazu zählen die Bestimmung von Geschlecht und Sterbealter, der Körpergröße, anatomischen Varianten und etwaigen Krankheiten. Insgesamt wurden rund 360 Bestattungen untersucht, wobei die Skelettreste im Allgemeinen eher schlecht und unvollständig erhalten sind.

Das Verhältnis von Kinder- zu Erwachsenenbestattungen beträgt 18 zu 82 %, wobei Säuglinge deutlich unterrepräsentiert sind. Dieses Kinderdefizit ist auch von anderen frühmittelalterlichen Gräberfeldern bekannt und wird auf taphonomische (z.B. schlechtere Erhaltung der Kinderknochen) oder kulturelle Faktoren (anderer Bestattungsort) zurückgeführt. Unter den Erwachsenen sind Männer und Frauen in etwa gleich vertreten, sie verstarben vor allem im Alter zwischen 40 und 60 Jahren. Die Männer waren durchschnittlich 168 cm groß, die Frauen 156 cm, was einem gut ausgeprägten Geschlechtsunterschied entspricht. Bei den Pathologien überwiegen Krankheiten des Zahnhalteapparates wie Karies, Abszesse, Zysten und Parodontose. Viele Zähne waren bereits zu Lebzeiten ausgefallen, stark abgenutzt oder von Zahnstein befallen. Zu den üblichen altersbedingten Erkrankungen zählen Arthrosen der großen Gelenke, vor allem an der Hüfte sowie Verschleißerscheinungen der Wirbelsäule. An Anzeichen für Mangelzustände wurden Porositäten im Augenhöhlendach, Querrillen im Zahnschmelz und knöcherne Auflagerungen auf dem Schädeldach beobachtet. Auf interpersonelle Gewalt deuten einige verheilte oder zum Todeszeitpunkt entstandene Verletzungen am Skelett hin, die bevorzugt den Kopf betreffen. Alles in allem stellen die Wölfersheimer Skelette einen normalen Querschnitt durch eine ländliche Bevölkerung des Frühmittelalters dar.

Als Besonderheit sind an einigen Knochen alte Stocher- und Schrammspuren in Folge der Beraubung der Gräber zu erkennen. Beraubungen zeigen sich auch durch Raubschächte in der Grabgrube oder wenn das Skelett aus dem Knochenverband gerissen wurde. In einem Grab fanden sich nicht selten mehrere Individuen, entweder wegen mehrfacher Belegung oder wegen einer Knochenverschleppung durch Grabraub.

Weitere Erkenntnisse zur Lebenssituation der Wölfersheimer sollen stabile Isotopenuntersuchungen zur Rekonstruktion der Ernährung von Mensch und Tier erbringen. Die künftige Publikation des Gräberfeldes, inklusive der Erkenntnisse von Anthropologie und stabiler Isotopenanalyse, ist in der Reihe „Materialien zur Vor- und Frühgeschichte von Hessen“ geplant. In diesem Zusammenhang werden die Ergebnisse der bioarchäologischen Forschung zu Wölfersheim auch mit anderen Gräberfeldern in der Region und darüber hinaus verglichen.

Details dazu auf denkmal.hessen.de:
www.lfd.hessen.de/bildergalerien/groesste_siedlung_der_roessener_kultur_in_deutschland
_entdeckt