In einer von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Pilotstudie untersuchen Wissenschaftler am CEZA anhand von Katapultbolzen vom Schlachtfeld am Harzhorn (Niedersachsen) und dem Kastell Saalburg (Hessen) sowohl die Herkunft der Rohmaterialien als auch auch die Techniken der Herstellung dieser Eisenprojektile. Dafür werden Katapultbolzen aus den genannten zwei Schlüsselstandorten untersucht, die aus dem 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. stammen, einer dramatischen Zeit der komplexen Beziehungen Roms mit seinen germanischen Nachbarn.
Multidiszipinäre Untersuchungen sollen Einblicke in die römische Eisenindustrie am Limes geben
Im Fokus der Pilotstudie steht die vergleichende Analyse der metallografischen Strukturen und Elementsignaturen von typologisch ähnlichen Katapultbolzen aus zwei etwa zeitgleich entstandenen (1.–3. Jahrhundert n. Chr.) römischen Fundorten in Deutschland: dem Kastell Saalburg und dem Schlachtfeld Harzhorn (Abb u.).

Das übergeordnete Ziel dieser Untersuchung ist es, neue Erkenntnisse über die Rolle der Eisentechnologie und der Eisenversorgungsnetzwerke bei der Entwicklung der römischen Torsionsgeschütze an der Limes-Grenze zu gewinnen.
Untersuchungen zur Herstellungstechnik
Die Untersuchung der Herstellungstechnik konzentriert sich auf mehrere Schlüsselaspekte. Zunächst werden wir die Art der verwendeten Eisenschmiedetechniken (d.h. fortschrittlich oder primitiv; systematisch oder eher unsystematisch angewendet) untersuchen und die Häufigkeit der Verwendung von Stahl, heterogenem Eisen, weichem Eisen und phosphor-reichem Eisen für diese Waffen bewerten. Die Identifizierung der Schmiedetechniken wird es ermöglichen, zu der kontroversen wissenschaftlichen Diskussion über die Bedeutung der Eisenqualität bei der Herstellung von Katapultbolzen, beizutragen (d.h. ob dieser Parameter als unbedeutend angesehen wurde). Es wird diskutiert, ob es Ähnlichkeiten oder Unterschiede in der Verwendung von Schmiedetechniken für die Bolzen aus Harzhorn und Saalburg gibt. Besonders bedeutsam ist die Untersuchung der Möglichkeit, dass für die Herstellung der Bolzen aus Harzhorn fortschrittliche Schmiedetechniken und Legierungen verwendet wurden, da diese von römischen Legionstruppen eingesetzt wurden, im Gegensatz zu den Bolzen aus Saalburg, die von Hilfstruppen verwendet wurden.
In Zusammenarbeit mit Paläobotanikern wird die Frage nach den verwendeten Holzarten für die Schäfte der Bolzen untersucht. Es wird geprüft, ob es konsistente Muster bei den verwendeten Holzarten für die Schäfte der Pfeile an den beiden untersuchten Standorten gibt; ob Hartholz (z.B. Esche oder Eiche, das gegenüber Weichholz überlegen ist) systematisch beschafft wurde oder ob es eine größere Variation bei der Auswahl des Holzes für die Schäfte der Bolzen gab.

Betrachtung der Eisenlieferketten
Bei der Betrachtung der Lieferketten richtet sich der Fokus auf die Quellen der Eisenerze, die für die Herstellung der Katapultgeschosse in Saalburg und Harzhorn genutzt wurden, und deren Eingrenzung. Letztlich soll die Frage beantwortet werden, ob die Rohstoffe für die Bolzen aus großen Lagerstätten (z.B. Noricum, Montagne Noire, Burgund, Sennonais usw.) oder aus kleineren regionalen Verhüttungszentren (z.B. Eisenberg, Lahn-Dill Gebiet, Liel, Fer Fort usw.) stammten. Auch die Frage, ob es eine besondere Nachfrage nach Eisenquellen durch die römischen Legionäre gab (d.h. vertreten durch die Harzhorn-Gruppe) und die Hilfstruppen, die in den römischen Kastellen am Limes stationiert waren (d.h. vertreten durch die Saalburg-Gruppe), steht im Mittelpunkt der Untersuchungen.
In einen größeren Zusammenhang werden die Nutzungsmuster von Eisen am Limes eingeordnet. Der Fokus der Untersuchung auf diese Art von massenproduzierten Waffen am Limes wird ein neues Verständnis der Eisenlieferketten (d.h. die Abhängigkeit von Fernhandelsnetzwerken oder die Nutzung von lokalem Eisen) in diesem Teil des Römischen Reiches ermöglichen. Diese Ergebnisse werden im Vergleich zu früheren Studien über die römischen Eisenhandelsnetzwerke und antiken literarischen Quellen betrachtet, was es ermöglicht, Theorien über die Nutzung einer komplexen Infrastruktur zur Organisation der Eisenversorgung für das Römische Reich zu bestätigen oder zu hinterfragen (Gassmann und Schäfer 2014; Pages et al. 2022). Letztlich wird die Entwirrung der Eisenlieferketten es ermöglichen, die Frage nach der Rolle der Eisenvorräte für die Beständigkeit der Römer am Limes zu klären.
Diese integrierte Studie und die gesammelte Datenbank der Re-Os- und Spurenelement-analysen werden den Weg für zukünftige Forschungen ebnen, die sich ebenfalls auf die Fragen der Technologie und Herkunft massenproduzierter Eisenwaren konzentrieren, die im gesamten Römischen Reich und darüber hinaus verbreitet sind. Langfristig wird dies ein neues Verständnis der diachronen Muster in der Ausbeutung von Eisenressourcen von der Eisenzeit bis in die römische Zeit in Mitteleuropa ermöglichen und eine Grundlage für effektivere zukünftige Untersuchungen zur Herkunft antiken Eisens schaffen. Schließlich wird das Projekt von der ¹⁴C-Analyse von Artefakten profitieren, die das Potenzial haben, Fragen zu möglichen Veränderungen der Eisenschmiedetechniken und Eisenlieferketten im Zeitraum des 1. bis 3. Jahrhunderts n. Chr. zu klären.