Spätbronzezeitliches Zinn aus Armenien

Herkunft des Zinns aus dem Gräberfeld von Metsamor, Armenien, und der spätbronzezeitlich-früheisenzeitliche Zinnhandel im südlichen Kaukasus.

  • Laufzeit: 01.05.2026–28.02.2027
  • Förderer: Fritz Thyssen Stiftung
  • Partner: Rene Kunze, Ashot Piliposyan, Hasmik Simonyan, Arsen Bobokhyan, Khachatur Meliksetian

Das Gräberfeld von Metsamor in Armenien gehört zu den bedeutendsten archäologischen Fundplätzen des südlichen Kaukasus. Die zugehörige Siedlung und Nekropole wurden über rund 1500 Jahre hinweg genutzt, vom 19. bis zum 5. Jahrhundert v. Chr. Der Nutzungsschwerpunkt und die offensichtliche Blütezeit liegt in der späten Bronzezeit, was dem 15.–13. Jh. v. Chr. entspricht. Aus dieser Periode sowie aus der sich anschließenden frühen Eisenzeit ist neben Artefakten aus Gold, Karneol und Glas auch eine außergewöhnlich große Zahl an Zinnobjekten aus Gräbern überliefert: Mehr als 3000 Schmuckstücke, darunter vor allem Perlen, Knöpfe und Anhänger, machen Metsamor zu einem bislang einzigartigen Fundort in Eurasien. Nirgends sind so viele Zinnobjekte an einem einzelnen Fundort geborgen worden. Woher das dafür verwendete Zinn stammte, ist jedoch bislang ungeklärt.

Siedlung von Metsamor
Luftaufnahme der Siedlung von Metsamor auf einer Anhöhe (Foto: Rene Kunze)


Ein von der Fritz Thyssen Stiftung gefördertes Forschungsprojekt am Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie (CEZA) untersucht nun die Herkunft dieses Metalls und seine Bedeutung für den überregionalen Austausch im südlichen Kaukasus genauer. Der Fundbestand ist dafür besonders aussagekräftig: Während metallisches Zinn in prähistorischen Kontexten meist nur durch wenige Einzelobjekte vertreten ist, erlaubt Metsamor erstmals die Untersuchung einer großen, zeitlich und archäologisch differenzierten Objektgruppe. Damit eröffnet sich die Möglichkeit, Veränderungen in Nutzung, Verfügbarkeit und gesellschaftlicher Bedeutung des Rohstoffs über mehrere Jahrhunderte hinweg zu verfolgen. Gleichzeitig hilft es, die Stellung und Funktion Metsamors besser zu verstehen.

Grab aus Metsamor
Eines der Gräber im Gräberfeld von Metsamor, aus dem ein Teil der Zinnobjekte stammt (Foto: Hasmik Simonyan)

Im Mittelpunkt stehen mehrere Fragen: Welche Zinnqualitäten und Legierungen wurden in Metsamor verwendet? Lassen sich zeitliche oder kontextuelle Unterschiede zwischen einzelnen Gräbern erkennen? Aus welchen Lagerstätten stammt das Zinn? Und welche Rückschlüsse ergeben sich daraus auf Handelswege, kulturelle Kontakte und die Rolle Metsamors innerhalb spätbronzezeitlicher und früheisenzeitlicher Netzwerke?

In einem ersten Schritt werden rund 1000 Zinnobjekte vor Ort in Armenien mit einem portablen Röntgenfluoreszenzspektrometer untersucht. Dieses zerstörungsfreie Screening ermöglicht es, die chemische Zusammensetzung eines sehr großen Fundbestandes systematisch zu erfassen, statistisch auszuwerten und besonders geeignete Stücke für weiterführende Analysen auszuwählen. Entscheidend sind dabei möglichst reine und gut erhaltene Zinnobjekte mit sehr geringen Bleigehalten, da Fremdblei oder Korrosion die Herkunftsuntersuchung erschweren oder unmöglich machen können. Ausgewählte Proben werden anschließend an der CEZA in Mannheim analysiert. Zum Einsatz kommt dabei eine Kombination aus Spurenelementanalytik (Q-ICP-MS), Zinnisotopie und Bleiisotopie (MC-ICP-MS). Erst das Zusammenspiel dieser drei Parameter erlaubt eine möglichst belastbare Herkunftseingrenzung. Die Ergebnisse werden mit umfangreichen Vergleichsdaten zu eurasischen Zinnerzen und prähistorischen Zinnfunden abgeglichen. So soll geprüft werden, ob das Metall aus Lagerstätten NW-Europas, Zentralasiens oder anderen Regionen stammte. Die archäologische Interpretation erfolgt in enger Zusammenarbeit mit armenischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Dr. Rene Kunze von der Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg, die Fundkontexte, Datierungen und Kenntnisse zur regionalen Metallurgie einbringen. Denn nur bei einer interdisziplinären Betrachtungsweise lässt sich erschließen, ob Metsamor möglicherweise eine Schlüsselposition im internationalen Zinnhandel besaß, die den Zinnreichtum erklären kann. Gleichzeitig soll aber auch der Frage nachgegangen werden, welche Ressourcen die Region im Austausch für das Zinn bereitstellte. Hier kommt besonders Gold in Betracht, denn im Gegensatz zu Zinnressourcen ist das Gebiet des heutigen Armeniens reich an Goldlagerstätten.

Zinnobjekte aus einem Grab in Metsamor
Zinnobjekte aus einem Grab in Metsamor (Foto: Daniel Berger)

Das aktuelle Projekt knüpft unmittelbar an einen zentralen Forschungsschwerpunkt des CEZA an: die naturwissenschaftliche Untersuchung von Rohstoffherkunft, Metallurgie und Austauschsystemen in prähistorischen Gesellschaften. Methodische Vorarbeiten am CEZA haben die kombinierte Anwendung von Zinn- und Bleiisotopie sowie Spurenelementmustern in der Archäometallurgie des Zinns wesentlich vorangebracht. Unter anderem konnten dadurch spätbronzezeitliche Zinnbarren aus dem östlichen Mittelmeerraum mit hoher Wahrscheinlichkeit britischen Lagerstätten zugeordnet werden. Auf dieser methodischen Grundlage soll Metsamor erstmals umfassend in die Geschichte des bronzezeitlichen Zinnhandels eingeordnet werden. Zugleich schafft das Projekt eine Grundlage für künftige Untersuchungen des Zinns in armenischen Bronzeobjekten sowie darüber hinaus.